Sonntag, 27. Mai 2012

Schatullenkrötentänze

Fragen zu Parščikows Gedicht Elegie

Nur ganz selten träume ich von geschriebenen Sachen, aber die "Kröte" aus Parščikows Elegie hat es zusammen mit ihrer "Schatulle" geschafft, meine Tag-Nachthirn-Schranke zu überspringen. Vermutlich weil ich den Moment nicht verpassen wollte, in dem diese beiden, Kröte und Schatulle, vielleicht doch noch eine Beziehung eingehen. Wie kurzlebig auch immer.

Denn normalerweise (oder was mir wie normalerweise vorkommt) stellt die Metapher doch zwei (oder mehr) Dinge, Sachen, Sachverhalte nebeneinander mit einem unüberhörbaren Achtung! Diese zwei werden gleich miteinander zu sprechen beginnen! Und normalerweise tun diese Dinge das dann auch, schneller zumeist als das warnende Achtung! fertig gesagt ist. Wie monologisch oder dialogisch, splittrig oder durchhierarchisiert etc. dieses Gespräch dann auch vonstatten gehen mag.

Allein, Kröte und Schatulle blieben Nacht wie Tag reglos und still und aufdringlich stumm nebeneinander stehen. Die sagen sich nichts. Gar nichts. Das Gedicht bietet an, sie seien, "nach nächtlichen Spielen, // mit ganzen Trauben wunderbarer Broschen gestopft voll". Ja: die Kröten! Und: nein! Ich meine, das verknüpft nicht, das potenziert nur die Beziehungslosigkeit dieser zwei. Verdichtet sie.

So fühlt sich diese beiden im Kopf zu haben sogar weniger nach Kröte und Schatulle an, sondern eher nach zwei klobigen Schränken in einem zu engen Zimmer – unklampert (ist das mir treffend scheinende, wenngleich in seinem Radius wohl beschränkte Wort für dieses Verhältnis). Und legt den Gedanken nahe, den Franz Josef Czernin hier für ein anderes Gedicht Parščikows formuliert hat: bei so etwas könnte "der Begriff der Metapher und vielleicht sogar der des übertragenen Sinns über das nützliche oder mindestens über das vertraute Maß ausgeweitet sein." Weniger elegant und dezent, also deutlich unklamperter genommen, stellt sich die Frage, ob für dieses Gedicht Parščikows der Begriff der Metapher überhaupt einen Sinn ergibt, der über die bloße Folienfunktion hinausreicht: die Verklammerung von zwei Entitäten spannt eine metaphorische Erwartung auf, eine produktive Verknüpfung lässt sich aber nicht herstellen, die aus dem Wasser 'hochgestiegenen' Kröten klatschen gegens "Ruderblatt". "knackender Bruch", sagt das Gedicht.

Zum Begriff Metapher maße ich mir keine Aussage an. Aber es schließen sich weitere Fragen für mich an: Warum stellt jemand – Parščikow – mir zwei derart verstockte Monstrume ins Hirn? Das wird ihm ja nicht einfach unterlaufen sein. Zumal sich die simple Auflösung – es sei lediglich von einer Schatulle in Krötenform die Rede – durch Text und Leseerfahrung in keiner Weise stützen lässt. Also was soll das? Und warum öffnet sich das Gehirn bereitwillig diesem (Zwangs-)Paar, ja umtanzt beständig dessen Gegenwart? Was zeigt sich hier?

Das Gedicht spricht nicht nur von einem 'knackenden Bruch', es sagt auch, die Kröten "lieben" das Ruderblatt. Vielleicht kommt es also zu gar keinem gewaltsamen Zusammenstoß, keinem wechselseitigen, vermutet ruinösen Aufbrechen getrennter Räume. Soll genau das sichtbar werden, eine Unberührbarkeit, eine Unbeschadetheit für sich? Vom Ruderblatt tropft nur das Wasser ab, die Kröten tauchen rechtzeitig ab und steigen wieder auf wie es ihnen beliebt, ihre "glitschige[n] Häute" entziehen sich jedem – auch sprachlichem – Zugriff (auch Dante und Tschechow scheinen mir hier vor allem ihre Nicht-am-Platz-Haftigkeit vorzuführen), die Schatulle liegt entwicklungslos als die Schatulle, als die sie gemacht worden ist und über die sie nicht hinauskann, sie alle kann man nebeneinander stellen, das ändert aber nichts. Es bleiben parallele aber unwiderruflich getrennte Räume. Wie Dragilew schreibt: "Jeder Raum befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem anderen Raum." Ja. Offensichtlich unverfügbar. Und dann schreibt er, der Metarealismus versuche, über eine "Metametapher bzw. Metabel" "den permanenten Übergang zwischen scheinbar entfernten Sphären" zu schaffen. Für die Strömung 'Metarealismus' wird das sicher zutreffen, vielleicht auch für Parščikows Arbeit im allgemeinen, aber konkret, in dieser Elegie, fällt es mir schwer, das zu sehen.

Und darauf, auf so ein Erstarrt-in-sich, verweist eigentlich schon die erste Zeile des Gedichts, aber die ist mir erst nach mehreren Tagen wirklich aufgefallen: "O, wie unberührt ist morgens im Steinbruch der Granit." Dabei: was für ein Setting! Während die Kröte zappelt und wahrnimmt und wahrgenommen werden will, sind wir hier tatsächlich im Reich des Immobilen – so unbeweglich, dass es mir nichtmal ins Bewusstsein treten konnte. Granit. Aufgebrochen zwar im Steinbruch, aber im Stein liegt doch nur Stein, ohne Außen und Innen, unberührbar, unantastbar. Und nicht kommunikativ.

Wenig auffällig, nur halb-bewusst, und trotzdem durch die vom Gedicht provozierte Verknüpf-Bereitschaft wirksam, ist dieses Steinbruch-Setting. Und es erklärt vielleicht, warum Schrank 'Kröte' und Schrank 'Schatulle' es bis in meine Träume schaffen konnten: die absolute Unverknüpfbarkeit dieser beiden Sphären ist alptraumhaft. Der Granit strahlt in diese Kommunikationslosigkeit hinein. Das Unberührbare, Unverknüpfbare ist das Tote, sagt er. Und hier ist der ergänzende Blick auf das Russische interessant: Statt "unberührt" steht dort (das im Deutschen so schlicht nicht wiederholbare) "reinrassig", wörtlich setzt das Russische "reinblütig". Eine radikale Unfähigkeit also, mit dem anders-erweiternden in Berührung zu treten: Quälzüchtung, Evolutionsstopp, zukunftslos. Bei manchen Farnen, gibt das Buch Farne, Moose, Flechten zu bedenken, werde "die Bestimmung durch häufige Bastardbildung erschwert". Und es sagt, es handele sich bei den Farnen um eine "sehr alte Pflanzengruppe".

Also doch ein "permanente[r] Übergang zwischen scheinbar entfernten Sphären", nur gleichsam ex negativo? Vielleicht. Und ist nicht die Übertragung des Granit-Gleichen in die Nicht-Beziehung zwischen 'Kröte' und 'Schatulle' selbst ein metaphorischer Akt! Ja, wahrscheinlich.

Aber apropos Farne. Siedeln die sich nicht recht rasch an, wo es schattig und ein wenig feucht ist? Zusammen mit Moosen und Flechten? Das Gedicht setzt ja nicht einfach den 'Granit', sondern spricht von einem Steinbruch. Im Stein mag zwar nur wieder Stein liegen, aber die innere Bildregie namens Weltwissen verknüpft mit 'Steinbruch' etwas, wo der Stein nicht mehr so recht in sich abgeschlossen ist. Wo seine Flächen zur Luft hin vervielfältigt sind und multiple Besiedelung stattfindet; Reinblütigkeit adieu. Wo also durchaus eins zum anderen eine Beziehung herstellen kann; und wenn es nur die schlichte "du hast was ich brauch also fress ich dich"-Beziehung ist. Kommunikation? Bedeutungsbildung in biologischer Bindung in jedem Fall.

Und wenn nun das granitgleich Tote in die Nicht-Beziehung zwischen 'Kröte' und 'Schatulle' hinein strahlt, wird dann nicht auch dieser Aspekt des Bildes, dass nichtmal ein Stein sich einer dynamisch-bedeutungsbildenden (Re-)Aktion entziehen kann, in dieses Nicht-Verhältnis übertragen? Da tot-lebendig sich in ein verquicktes Gegensatzpaar verzwirnen, liegt diese Vermutung nahe, aber ich glaube nicht darin liegt der Punkt. Ich kann auch über die Präsenz des assoziierten Kraftfelds 'sogar-Stein-in-besiedelter-Bewegung' keine produktive Beziehung zwischen Schatulle und Kröte herstellen – und genau darin liegt für mich die Stärke von Parščikows Text: widerstreitende Kräfte werden nicht annulliert.

Denn Parščikows Gedicht tut das materiell Problematische: es setzt zwei Sachen an denselben leergeräumten Punkt und aktiviert sie gleichzeitig, lässt sie beide aus diesem einen Punkt in ihrer Eigenart hervor schießen. In eine sonderbare Skulptur, deren verdrehte Dimensionalität ausschließlich das auf sich beharrende Einzelne aufblitzen lässt, nie aber vor dem Körper des anderen und von diesem abgesetzt. Geht nicht? Eben. Das unklamperte Gehirn behilft sich entsprechend mit einem schlichteren Bild: zwei Schränke in einem zu engen Raum. Aber es würde sich nicht in den Bann zweier Schränke stellen lassen, wenn sich dort nicht etwas ereignen würde: das realweltliche sowohl-als-auch in seinem kristallgitternen Tanz.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Parschtschikow in den Augen russischer zeitgenössischer Dichter

http://www.topos.ru/article/bibliotechka-egoista/alesha-tikho-ulybnulsya

eine neue Seite, leider nur auf russisch, in der wichtige russische Lyriker eine Einschätzung geben, was Parschtschikow für die russische Poesie bedeutet und wie sie ihn erinnern

Mittwoch, 9. Mai 2012

Engführung

Man könnte die Metaphernüberbietung oder dies Metapher-führt-auf-Metapher auch von einem anderen Standpunkt aus betrachten: gesetzt also, es verhielte sich so, wie ließen sich dann die Metaphern engführen? Nehmen wir an, die Rede wäre eine Herde (wie bei Oswald Egger), wie versammelt man die Metaphern um eine Mitte? Entweder durch Engführung oder durch Konvention (sprich: indem man einfach Bedeutungen für gegeben hält und es nach jedem Wort plumpst). Sehe ich das richtig? Kann es eine Engführung jenseits von Narration und Konvention geben?

Mittwoch, 2. Mai 2012

Übertragungen

Alexej Parschtschikows Poem Erdöl beginnt in Hendrik Jacksons Übersetzung mit dem Vers In meines Lebens Mitte: wie mit einem Zirkel punktgenau gesetzt. Hier kann vielleicht jedes Wort im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn verstanden werden: Ist etwa ein Leben, wenn es für jemanden, der noch lebt, eine Mitte hat, nur im wörtlichen Sinn ein solches? Und ist von einer Mitte nur im wörtlichen Sinn die Rede, wenn sie jemand auf einen Moment seines Lebens bezieht, dessen Dauer er noch nicht absehen kann? Die Möglichkeit zunächst verborgener Sinn-Übertragung selbst ist nicht allein durch den Begriff der Poesie mitgegeben, sondern auch spätestens mit Friedrich Nietzsches Vortrag Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn virulent geworden, in dem die Wahrheit als ein bewegliches Heer von Metaphern bezeichnet wird und mit der Wahrheit, wie man annehmen darf, auch die Sprache, sofern durch diese Wahrheit vermittelbar sein soll. Vielleicht im Widerspruch zu Nietzsches universalisierende Wörtlichkeits- und Wahrheitsskepsis muss die Möglichkeit der Sinnübertragung jedoch auch in der Poesie nicht immer realisiert werden. Denn es verhält sich wohl so, wie Jorges Luis Borges in einem Essay für eine Art von Sinnübertragung, nämlich für die Metapher, feststellt: "Bedeutend an der Metapher ist, dass sie vom Leser oder Zuhörer als Metapher empfunden wird." Mit anderen Worten: Es hängt auch in der Poesie vom Kontext ab, ob ein Ausdruck im übertragenen, im wörtlichen Sinn oder aber in beiden Sinnen zu lesen ist.
Der häufigen – ob nun offenkundigen oder verborgenen – Übertragung von Sinn in der Poesie liegt (zumindest gilt das für viele Fälle) etwas Allgemeineres zugrunde: Dass sich der Sinn einer Äusserung nicht im ausdrücklich Gesagten erschöpft.
Eben dies kennzeichnet auch Anspielungen; und sowohl solche, die eine – , wie auch solche, die keine Sinnübertragung enthalten. Bei Anspielungen wird mit Hilfe einer (zumeist ausdrücklichen) Aussage mindestens eine andere unausdrücklich zu verstehen gegeben, die aus der Bedeutung der anspielenden Aussage nicht erschlossen werden kann. Dabei kann, aber muss keine Sinnübertragung realisiert sein. Der erste Teil des Eingangsverses von Erdöl – In meines Lebens Mitte – etwa spielt auf den Eingangsvers der Commedia an: Nel mezzo del cammin di nostra vita. Mögen die beiden Verse auch ihrerseits übertragenen Sinn enthalten, die Anspielung selbst ist hier kein Mittel einer Sinnübertragung. Allerdings ist die Anspielung selbst (verstanden als Tatsache, dass mittels Erdöl auf die Anfangsverse der Commedia angespielt wird) wahrscheinlich ihrerseits selbst ein Mittel für eine ein weitere Anspielung. Denn damit könnte auch zu verstehen gegeben sein, dass auch in Erdöl eine Reise in eine Unterwelt stattfindet.

*
Auf deinem Adamsapfel standst du (Erdöl, Vers 19). – Dass hier nicht oder nicht nur das ausdrücklich Gesagte gemeint ist, sondern eine Metapher im Spiel, liegt schon deshalb nahe, weil die Situation schwer vorstellbar ist, in der man im wörtlichen Sinn auf seinem eigenen Adamsapfel stehen kann. Vielleicht mindestens so schwer vorstellbar wie das Löwe-Sein des menschlichen Protagonisten Achilles. (Unter Umständen wäre natürlich beides möglich: Etwa nach operativer Entfernung des Adamsapfels oder nach Herstellung eines Menschenlöwen oder Löwenmenschen, eines Mischwesens also). Wenn man nun den Vers Auf deinem Adamsapfel standst du als Metapher liest und als Anspielung: worauf wird dann angespielt? Nach einer geläufige Metapherntheorie auf etwas, das mindestens eine Eigenschaft mit einem Adamsapfel gemeinsam hat; auf etwas demnach, das wie ein Adamsapfel ist. Was aber ist wie ein Adamsapfel, auf dem man stehen kann? In irgendeiner Hinsicht (jenseits spezifischer Kontexte) ist bekanntlich alles wie alles andere. Was dann aber die tatsächlich gemeinte Gemeinsamkeit ist, hängt (wie bei nicht-metaphorischen Anspielungen) vom Kontext ab. Könnte eine tiefgreifende Deutung von Parschtschikows Poem das Gemeinsame jenes Etwas und eines Adamsapfels (auf dem sein Träger stehen kann) zu Tage fördern? Ich weiss es nicht, vermute aber, dass eine solche Suche und ihre allfälligen Funde im Kontext des Poems Erdöl nur wenig sinnvoll oder fruchtbar wären.
In Dimitri Dragilews aufschlussreichem Essay findet sich die folgende Passage: "Michail Epstein, ein Analytiker und Theoretiker der ersten Stunde, hat die ausführlichste Version der metarealistischen Poetik geliefert. Wie er es richtig kommentiert hat, verwendet man Metaphern, die in sich weitere Metaphern bergen bzw. auf andere hinweisen. Man vergleicht nicht. Das Eine muss nicht unbedingt dem Anderen ähnlich, feindlich - fremd sein oder dem Anderen unterworfen, wächst es doch durch das Andere hindurch, wird zum Anderen ohne sich selbst zu verlieren und bildet dabei eine vielschichtige, erweiterte Realität."
Hier wird auf ein verborgenes Zusammenspiel von Metaphern als Anspielungen verwiesen, das jedoch gerade nicht auf Gemeinsamkeiten bzw. auf Vergleichen und ebensowenig auf Unterschieden beruht. Demnach haben Metaphern bei Parschtschikow nicht unbedingt die Aufgabe, bestimmte Gemeinsamkeiten oder Unterschiede nahezulegen, sondern sind eher Anspielungen auf andere Metaphern, die wiederum Anspielungen auf weitere Metaphern sein könnten. Der metaphorische Ausdruck würde dann nicht auf einen wörtlich zu verstehenden Vergleich anspielen. Die Metaphern selbst sollten dabei nicht in einen wörtlichen Sinn aufgelöst werden, ja, in gewissem Sinn unverständlich bleiben. Die Metaphern Auf deinem Adamsapfel standst du und die Metapher deine Klarapfel-Eva hast du herausgelockt (Vers 9) spielen dann – wenn es denn Metaphern sind – vielleicht aufeinander an. Und in diesem Sinn könnte man vielleicht weiter suchen und finden.
Ich glaube, dass Dragilews bzw. Epsteins Vorschlag (ob er nun Partschikows Gedichten angemessen ist oder auch nicht) etwas für manche moderne Poesie Wesentliches trifft. Allerdings mag dabei der Begriff der Metapher und vielleicht sogar der des übertragenen Sinns über das nützliche oder mindestens über das vertraute Maß ausgeweitet sein. Denn folgt man der Deutung, die Dragilew vorschlägt: Was ist dann eigentlich das Metaphorische an einer Wendung wie Auf deinem Adamsapfel standst du? Und wie unterscheidet sich diese Art von Anspielung von nicht-metaphorischen Anspielungen, aber auch von anderen Arten der Sinnübertragung? – Ich werde auf diese Frage vielleicht zurückkommen.

*

Freitag, 27. April 2012

Beginn

Irritierend ist für manche der Bezug Parschtschikows zur sehr "sprachreflexiv" ausgerichteten L-A-N-G-U-A-G-E-school (gerade ist bei kookbooks ein Michael Palmer-Band erschienen), wie es in manchem Biographien betont wird.

Zunächst scheint es, als habe Parschtschikow kein übermässiges Interesse an der Sprachbewegung selbst, als ginge es ihm um eine Art Bildgeneration "pur". Indes führt diese Frage für mich ins Zentrum dessen, was mich an Parschtschikow interessiert, nämlich sein Bezug zur sogenannten "Wirklichkeit" und wie er sie übersteigt, was er mit den Beobachtungen macht. Der so strapazierte Begriff "Meta" in Metarealismus sagt ja schon, dass es eben nicht um Abbildung geht.
(zugleich würde ich mir wünschen, dass wir vielleicht irgendwann den Begriff Metarealismus durchstreichen)
Mir gefällt gerade, wie aus der Beobachtung heraus Parschtschikow eine Beschreibungs- und Verknüpfungswut entfesselt. In diesem Überborden kämpfen, wie seit jeher, zwei Kräfte miteinander (siehe auch sein Schachgedicht), will mir zuweilen scheinen, für die ich nur ausgelutschte Dichotomien zur Verfügung hätte: Realität und Geist, Körper und Verstand... oder einfach nur Begriffspaare: Bild - Wort etc.
Als Art "synthetisierendes" Scharnier zwischen Sprache und Wirklichkeit bietet sich immer wieder die Metapher an. Zurecht?

Dazu, melancholisch gestimmt, fiel mir noch dies ein:
Ich hänge am lausigen Leben wie an einer fatalen Leidenschaft. Immerzu drängt sich der Gedanke auf, es hätte mehr werden können... dagegen die "reine Luft" des Geistes: Spiegelkabinette, die alles, incl. sich selbst spiegeln, herrlich. Doch die schwere Melancholie zieht mich zurück...
Parschtschikow schafft es oft, in diese Melancholie der Beobachtung eine Energie zu tragen, die beflügelt. Das gefällt mir.

Leben und Geist, das ist nicht grad originell (von mir).Ich möchte dait aber auf ein Problem hinweisen, womit sich meines Erachtens alle Lyriker herumschlagen, Beliebigkeit: auf der einen Seite die Beliebigkeit reiner "Sprachspiele" (was man natürlich auch produktiv nutzen kann wie z.b. Franz Josef Czernin in seinem neusten Buch, in dem er eine Art "Lyrikspiel" erfindet mit variierbaren, herausnehmbaren Sätzen), auf der anderen Seite die Relevanz suggerierende Beliebigkeit "erfahrungsgesättigter" Literatur (denn warum soll gerade dies berichtende Subjekt interessant sein?). Schaut man genauer hin, lösen sich auch diese Gegensätze meist ineinander auf. Die Frage nach der Beliebigkeit stellt sich aber weiterhin.
Mir beliebt es zu spielen. Beileibe kein Spiel. Bleib mir vom Leib mit deiner Liebe. Fettlaib Lyrik und das Liebesspiel.

Freitag, 13. Januar 2012

Willkommen

Liebe Filmemacher, Lyriker, Metaphernforscher, Künstler, Kunsthistoriker, Übersetzer, Philosophen, Essayisten, es geht los.
Mit den Worten Parschtschikows: "Auf Auf!Ich schwamm näher auf einer goldenen Äsche, trat hinüber - und verschwand!"
Also, schwimmt näher heran und verschwindet hinter den Worten!


Teilnehmer:

Franz Josef Czernin (metaphorisch), Schriftsteller
Dmitri Dragilew (veligardi), Schriftsteller, Musiker
Saskia Walker (saskiawalker), Filmemacherin, Herausgeberin ("revolver")
Sven Grünwitzky, Kunsthistoriker, Maler
Gundi Feyrer, Schriftstellerin
Hendrik Jackson (stabigabi2), Schriftsteller, Übersetzer
Steffen Popp (stabigabi6), Schriftsteller, Übersetzer
Christian Hawkey (xahawkey), Schriftsteller, Übersetzer
Tillmann Severin (Metapark), Literaturwissenschaftler


Grundlagen:

Besonders erfreulich ist, dass Dmitri Dragilew SPEZIELL für unseren lyrikkritikblog einen Aufsatz geschrieben hat über den Metarealismus, der einen kleinen Einblick gibt in die Geschichte des Metarealismus.

Worum soll es gehen?

Zum einen natürlich um Alexej Parschtschikow und seinen Band Erdöl, denn er ist der einzige der Metarealisten, von dem es einen ganzen Band mit Übersetzungen gibt.
Von diesem Band und dem Aufsatz Dragilews ausgehend, interessieren mich zunächst, um es möglichst einfach zu halten, drei Fragen:

Die erste noch eher konkreter Natur
1) Welche Energien setzt der Metarealismus frei, welche Mittel/Methoden zeichnen ihn aus und welche literarische Strömungen im "Westen" knüpfen am ehesten formal an ihn an?

Davon ausgehend:
2) Wie könnte ein Metarealismus in anderen Künsten (Film, Malerei etc) aussehen? ist der Begriff sinnvoll?

Aber vor allem:

3) Was bedeutet die Metapher für den Metarealismus und vor allem für die Literatur überhaupt? Wie ist das Verhältnis von Bild und Realität, von Wort und Bild? ist der Metarealismus eine logische Konsequenz der Postmoderne (und zugleich ein Versuch, sie zu überwinden?)


Das sind ein bißchen akademische Fragen, die mich umtreiben. Aber als Ausgangspunkt vielleicht nicht schlecht. Abschweifungen folgen...

Ich werde in einem ersten Eintrag bald genauer darauf eingehen. Ich freue mich sehr auf die Beiträge!

Hendrik Jackson


Hier kann man den Aufsatz Dragilews abfragen

Macro: Geheimtip-Meta-Meta (rtf, 25 KB)

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