Mittwoch, 2. Mai 2012

Übertragungen

Alexej Parschtschikows Poem Erdöl beginnt in Hendrik Jacksons Übersetzung mit dem Vers In meines Lebens Mitte: wie mit einem Zirkel punktgenau gesetzt. Hier kann vielleicht jedes Wort im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn verstanden werden: Ist etwa ein Leben, wenn es für jemanden, der noch lebt, eine Mitte hat, nur im wörtlichen Sinn ein solches? Und ist von einer Mitte nur im wörtlichen Sinn die Rede, wenn sie jemand auf einen Moment seines Lebens bezieht, dessen Dauer er noch nicht absehen kann? Die Möglichkeit zunächst verborgener Sinn-Übertragung selbst ist nicht allein durch den Begriff der Poesie mitgegeben, sondern auch spätestens mit Friedrich Nietzsches Vortrag Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn virulent geworden, in dem die Wahrheit als ein bewegliches Heer von Metaphern bezeichnet wird und mit der Wahrheit, wie man annehmen darf, auch die Sprache, sofern durch diese Wahrheit vermittelbar sein soll. Vielleicht im Widerspruch zu Nietzsches universalisierende Wörtlichkeits- und Wahrheitsskepsis muss die Möglichkeit der Sinnübertragung jedoch auch in der Poesie nicht immer realisiert werden. Denn es verhält sich wohl so, wie Jorges Luis Borges in einem Essay für eine Art von Sinnübertragung, nämlich für die Metapher, feststellt: "Bedeutend an der Metapher ist, dass sie vom Leser oder Zuhörer als Metapher empfunden wird." Mit anderen Worten: Es hängt auch in der Poesie vom Kontext ab, ob ein Ausdruck im übertragenen, im wörtlichen Sinn oder aber in beiden Sinnen zu lesen ist.
Der häufigen – ob nun offenkundigen oder verborgenen – Übertragung von Sinn in der Poesie liegt (zumindest gilt das für viele Fälle) etwas Allgemeineres zugrunde: Dass sich der Sinn einer Äusserung nicht im ausdrücklich Gesagten erschöpft.
Eben dies kennzeichnet auch Anspielungen; und sowohl solche, die eine – , wie auch solche, die keine Sinnübertragung enthalten. Bei Anspielungen wird mit Hilfe einer (zumeist ausdrücklichen) Aussage mindestens eine andere unausdrücklich zu verstehen gegeben, die aus der Bedeutung der anspielenden Aussage nicht erschlossen werden kann. Dabei kann, aber muss keine Sinnübertragung realisiert sein. Der erste Teil des Eingangsverses von Erdöl – In meines Lebens Mitte – etwa spielt auf den Eingangsvers der Commedia an: Nel mezzo del cammin di nostra vita. Mögen die beiden Verse auch ihrerseits übertragenen Sinn enthalten, die Anspielung selbst ist hier kein Mittel einer Sinnübertragung. Allerdings ist die Anspielung selbst (verstanden als Tatsache, dass mittels Erdöl auf die Anfangsverse der Commedia angespielt wird) wahrscheinlich ihrerseits selbst ein Mittel für eine ein weitere Anspielung. Denn damit könnte auch zu verstehen gegeben sein, dass auch in Erdöl eine Reise in eine Unterwelt stattfindet.

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Auf deinem Adamsapfel standst du (Erdöl, Vers 19). – Dass hier nicht oder nicht nur das ausdrücklich Gesagte gemeint ist, sondern eine Metapher im Spiel, liegt schon deshalb nahe, weil die Situation schwer vorstellbar ist, in der man im wörtlichen Sinn auf seinem eigenen Adamsapfel stehen kann. Vielleicht mindestens so schwer vorstellbar wie das Löwe-Sein des menschlichen Protagonisten Achilles. (Unter Umständen wäre natürlich beides möglich: Etwa nach operativer Entfernung des Adamsapfels oder nach Herstellung eines Menschenlöwen oder Löwenmenschen, eines Mischwesens also). Wenn man nun den Vers Auf deinem Adamsapfel standst du als Metapher liest und als Anspielung: worauf wird dann angespielt? Nach einer geläufige Metapherntheorie auf etwas, das mindestens eine Eigenschaft mit einem Adamsapfel gemeinsam hat; auf etwas demnach, das wie ein Adamsapfel ist. Was aber ist wie ein Adamsapfel, auf dem man stehen kann? In irgendeiner Hinsicht (jenseits spezifischer Kontexte) ist bekanntlich alles wie alles andere. Was dann aber die tatsächlich gemeinte Gemeinsamkeit ist, hängt (wie bei nicht-metaphorischen Anspielungen) vom Kontext ab. Könnte eine tiefgreifende Deutung von Parschtschikows Poem das Gemeinsame jenes Etwas und eines Adamsapfels (auf dem sein Träger stehen kann) zu Tage fördern? Ich weiss es nicht, vermute aber, dass eine solche Suche und ihre allfälligen Funde im Kontext des Poems Erdöl nur wenig sinnvoll oder fruchtbar wären.
In Dimitri Dragilews aufschlussreichem Essay findet sich die folgende Passage: "Michail Epstein, ein Analytiker und Theoretiker der ersten Stunde, hat die ausführlichste Version der metarealistischen Poetik geliefert. Wie er es richtig kommentiert hat, verwendet man Metaphern, die in sich weitere Metaphern bergen bzw. auf andere hinweisen. Man vergleicht nicht. Das Eine muss nicht unbedingt dem Anderen ähnlich, feindlich - fremd sein oder dem Anderen unterworfen, wächst es doch durch das Andere hindurch, wird zum Anderen ohne sich selbst zu verlieren und bildet dabei eine vielschichtige, erweiterte Realität."
Hier wird auf ein verborgenes Zusammenspiel von Metaphern als Anspielungen verwiesen, das jedoch gerade nicht auf Gemeinsamkeiten bzw. auf Vergleichen und ebensowenig auf Unterschieden beruht. Demnach haben Metaphern bei Parschtschikow nicht unbedingt die Aufgabe, bestimmte Gemeinsamkeiten oder Unterschiede nahezulegen, sondern sind eher Anspielungen auf andere Metaphern, die wiederum Anspielungen auf weitere Metaphern sein könnten. Der metaphorische Ausdruck würde dann nicht auf einen wörtlich zu verstehenden Vergleich anspielen. Die Metaphern selbst sollten dabei nicht in einen wörtlichen Sinn aufgelöst werden, ja, in gewissem Sinn unverständlich bleiben. Die Metaphern Auf deinem Adamsapfel standst du und die Metapher deine Klarapfel-Eva hast du herausgelockt (Vers 9) spielen dann – wenn es denn Metaphern sind – vielleicht aufeinander an. Und in diesem Sinn könnte man vielleicht weiter suchen und finden.
Ich glaube, dass Dragilews bzw. Epsteins Vorschlag (ob er nun Partschikows Gedichten angemessen ist oder auch nicht) etwas für manche moderne Poesie Wesentliches trifft. Allerdings mag dabei der Begriff der Metapher und vielleicht sogar der des übertragenen Sinns über das nützliche oder mindestens über das vertraute Maß ausgeweitet sein. Denn folgt man der Deutung, die Dragilew vorschlägt: Was ist dann eigentlich das Metaphorische an einer Wendung wie Auf deinem Adamsapfel standst du? Und wie unterscheidet sich diese Art von Anspielung von nicht-metaphorischen Anspielungen, aber auch von anderen Arten der Sinnübertragung? – Ich werde auf diese Frage vielleicht zurückkommen.

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